Alte Schönhauser Strasse 36/37
10119 Berlin
Germany

Phone: + 49 30 / 28 38 93 19
Fax: + 49 30 / 28 87 91 42
E-Mail: Look@MyVisit.to
Web: www.MyVisit.to
Wien 01.05.2010

Join MyVisit.to „Santo Stefano“

von Hanno Millesi

Santo Stefano © 2010 Hanno Millesi

Santo Stefano © 2010 Hanno Millesi

Santo Stefano

Im Abbildungsteil eines Katalogs, der sich mit den Wohnverhältnissen berühmter Kulturschaffender meiner Stadt beschäftigt, stoße ich auf Fotografien jenes Hotelzimmers, in dem Peter Altenberg einen Großteil seiner bekannten Werke verfasst hat.
Die Wände seines Zimmers sind mit gerahmten Bildern übersät. Fotos, Grafiken, Zeitungsausschnitte. Ich sehe beispielsweise eine Reihe von Porträts junger Frauen. Unter anderem eine farbige Stammesangehörige mit entblößten Brüsten. Dazwischen taucht immer wieder das Konterfeit des humorvollen Schriftstellers auf. Eine weitere Katalogabbildung zeigt Peter Altenbergs Waschtisch mit Wasserschüssel und Krug. Sein Zimmer trägt die Nummer 51 und befindet sich im Grabenhotel in der Dorotheergasse Nr. 3 im ersten Bezirk. Ich beschließe Peter Altenberg dort zu besuchen. Schließlich verfüge ich über alle notwendigen Informationen.
In der Dorotheergasse angekommen, bin ich erst einmal überrascht. Im Erdgeschoß des Grabenhotels, in dem Peter Altenberg residiert, befindet sich eine Trattoria namens Santo Stefano. Um ehrlich zu sein, hatte ich mir das etwas anders vorgestellt. Offenbar legt der Schriftsteller Wert auf Diskretion. Vielleicht sollen Spuren verwischt werden, oder all das ist Teil seines eigenwilligen Humors.
Nachdem ich mich vorgestellt habe, teile ich der jungen Frau an der Rezeption mit, dass ich Peter Altenberg besuchen möchte. Mit einem verständnisvollen Lächeln bittet sie mich einen Augenblick zu warten und tippt etwas in den Computer. Während ihre Pupillen den Bildschirm abtasten, verfinstert sich ihre Miene. Schließlich eröffnet sie mir, dass sich niemand dieses Namens unter ihren Gästen befindet.
So leicht lasse ich mich jedoch nicht einschüchtern. Mir ist klar, dass sie die Liste derjenigen durchgesehen hat, die vorgelassen werden dürfen. Ich weise sie darauf hin, dass es sich bei mir um einen Kollegen handelt, und sie nimmt zunächst an, dass ich ebenfalls in der Hotelbranche tätig bin. Ich antworte mit einem Seufzen und wiederhole, dass die ganze Stadt – was rede ich – die ganze Welt wisse, dass Peter Altenberg in diesem Hotel wohne. Die Rezeptionistin wirkt eingeschüchtert. Wahrscheinlich weil sie einsieht, dass es unsinnig war, mich für einen Hotelier zu halten. Ich verheimliche nicht länger, dass ich sogar weiß, welches Zimmer Peter Altenberg bewohnt; Nr. 51 nämlich und zwar im fünften Stock.
Die dreiste, junge Frau will mir weismachen, dass das Grabenhotel lediglich über 41 Zimmer verfüge und der von mir gesuchte Herr – sie sagt tatsächlich der gesuchte Herr, als habe sie den Namen Altenberg noch nie zuvor gehört – daher unmöglich ein Zimmer mit der Nummer 51 bewohnen könne. Offenbar folgt sie strikten Anweisungen. Man will mich abwimmeln. Im Grunde hätte ich mir das denken können, als ich gesehen habe, dass sich im Erdgeschoß des Hotels eine Trattoria befindet. Ich bedanke mich höflich, als hätte ich meinen Irrtum eingesehen, wende mich allerdings nicht dem Ausgang zu, sondern dem Stiegenaufgang, der zu den Zimmern führt. Ich finde meinen Weg auch allein. Mein Name mag auf keiner Liste aufscheinen, Peter Altenberg wird mich nichtsdestotrotz empfangen. Schließlich kenne ich intime Details seiner Lebenssituation und seiner Körperpflege.
Die junge Frau hat inzwischen ihr Rezeptionspult verlassen und stellt sich mir in den Weg. Einen Moment lang sieht es so aus, als müsste ich sie mit Gewalt beiseite räumen. Ehe ich Gelegenheit dazu habe, kommt ein stattlich gekleideter Herr die Treppe herunter. Eine von ihm ausgehende autoritäre Aura bringt uns unverzüglich zur Räson. Mir ist die Situation peinlich, unabhängig davon, dass ich für ihre Eskalation nicht verantwortlich bin.
Zu meiner Überraschung wendet sich die Rezeptionistin mit meinem Anliegen an den unvermutet aufgetauchten Mann, als handle es sich bei ihm um einen aus einer oberen Region herabgestiegenen Richter. Ich bin damit einverstanden, ihn als Unparteiischen anzuerkennen und erkläre, dass ich nichts weiter wolle, als Peter Altenberg auf Zimmer Nr. 51 zu besuchen. Der kompetent wirkende Mann sieht mich durchdringend an und bedeutet der ahnungslosen Angestellten, sich wieder ihrer eigentlichen Aufgabe zu widmen. Er scheint begriffen zu haben, worum es mir geht, ich glaube sogar, dass er den Schriftsteller in mir erkennt. Verständnisvoll legt er einen Arm um meine Schulter und – man könnte fast sagen: geleitet mich behutsam zum Ausgang. Mein Widerstand bricht in sich zusammen. Bei mir, meint er, habe er es offenbar mit einem Bewunderer zu tun. Ich bejahe, obwohl das nicht ganz stimmt, aber da befinden wir uns bereits auf der Straße. Der elegante Herr deutet die Dorotheergasse entlang und meint, wenn ich dort vorne rechts abbiege, wäre es nicht mehr weit bis zum Café Central, in dem sich Herr Altenberg – nun ja – zuletzt aufgehalten habe. Im Hotel habe man ihn jedenfalls schon längere Zeit nicht mehr gesehen.
Dieser Vorschlag birgt eine gewisse Logik. Schließlich nannte man Altenberg und seine … äh … Kumpane Kaffeehausliteraten. Oder nannten sie sich selbst so? Natürlich sitzen die tagsüber nicht in Hotellobbys geschweige denn -zimmern, sondern im Kaffeehaus, um sich von dessen … inspirierender Atmosphäre anregen zu lassen.
Im Kaffeehaus entdecke ich niemanden, der Peter Altenberg auch nur annähernd ähnlich sieht. Es sitzen überhaupt nur ein paar Touristen herum, kichern und trinken, sobald der Kellner ihnen den Rücken zukehrt, aus Plastikflaschen, die sie wahrscheinlich selbst mitgebracht haben. An einem etwas abseits stehenden Tisch ist ein dicker Herr eingeschlafen. Eine aufgeschlagene Zeitung ist ihm auf die Brust gesunken, als habe er sich damit zugedeckt. Wie ein Schriftsteller sieht hier eigentlich niemand aus. Am ehesten noch der dicke Herr. Als der missmutige Kellner an mir vorbeischlurft, erkundige ich mich, ob es so etwas wie ein Extrazimmer gibt. Der Blick, mit dem er mir antwortet, bedarf keiner Erläuterung. Ich bin hier nicht erwünscht.
Meiner Ansicht nach kann man es mit der Diskretion auch übertreiben. Kein Wunder, dass man von Peter Altenberg so lange nichts mehr gehört hat.
Zu Hause überkommt mich neuer Enthusiasmus. Ich will mich noch nicht geschlagen geben. Möglicherweise hatte Peter Altenberg das Leben in der Abgeschiedenheit eines Hotelzimmers satt. Ich greife zum Telefonbuch.
Unter dem Namen Altenberg finde ich nur einen Rainer, wohnhaft in der Obkirchergasse im 19. Bezirk, und einen Reinhard, Am Tabor 15, Stiege 2. Merkwürdig. Einen Peter gibt es erst weiter unten in der Spalte. Aber der heißt Alteneder. Er wohnt im dritten Bezirk, Esteplatz 7a. Einen Moment lang weiß ich nicht, welcher Ungenauigkeit ich weniger Bedeutung beimessen soll. Habe ich es nach wie vor mit einer Verdunklung zu tun? Hat es Sinn, Peter Alteneder aufzusuchen?
Seltsam ist auch, dass ich keinen der anderen Kaffeehausliteraten im Café Central angetroffen habe. Zum Beispiel Stefan Zweig. Der hat doch sicherlich kaum einmal gefehlt. Und was war heute?
Stefan Zweig wohnt in der Kochgasse Nr. 8. Ich weiß das von einer Ausstellung über berühmte Söhne und Töchter der Josefstadt, die ich mir vor einigen Jahren im Bezirksmuseum angeschaut habe. Ich habe mir damals schon gedacht, dass sich die Adresse einer so hervorragenden Persönlichkeit eines Tages als nützlich erweisen könnte. Jetzt ist es soweit.
Damit mir dasselbe Malheur nicht erneut passiert, schlage ich im Telefonbuch nach, ob diese Anschrift noch relevant ist. Unter dem Namen Zweig finde ich zwar einen Stefan, seine Adresse lautet allerdings Mahlerstraße Nr. 5, also erster Bezirk. Daneben stehen die Begriffe Wohn- und Textilobjekte.
Als ich in der Mahlerstrasse eintreffe und mich dem Haus Nr. 5 nähere, ragt tatsächlich ein Schild mit dem Namen des berühmten Schriftstellers aus der Fassade. Hat er etwa die Branche gewechselt? Das ist natürlich Unsinn. Höchstwahrscheinlich handelt es sich um eine Investition, die unsicheren Zeiten vorbeugen soll. Schließlich hat er in seinem Leben bereits allerhand mitgemacht. Seine Literatur war zeitweise verboten, er selbst sah sich gezwungen, ins Exil zu gehen. Die Geschäftsräume befinden sich im Mezzanin.
Ein schmächtiger Herr mit einer Brille, deren Gläser seine Augen gespenstisch vergrößern, lächelt mich an. Es handelt sich nicht um den Schriftsteller, dessen Aussehen mir von Fotos her vertraut ist. Ohne mir etwas davon zu versprechen, beginne ich mit: … Herr Zweig, nehme ich an …?
Nein, nein, ganz bestimmt nicht, meine Annahme scheint ihn zu amüsieren.
Das dachte ich mir, sage ich voll unterschwelliger Geringschätzung zu dem Mann, der einen grauen Arbeitsmantel trägt wie ein Bürokrat auf alten Aufnahmen.
Der Chef ist so gut wie nie im Geschäft, versichert er mir.
Ach …, ich überlege mir meinen nächsten Schritt, aber er kommt mir zuvor.
Er erledigt die meiste Arbeit von zu Hause aus.
Das leuchtet mir ein. Auch ich bin in meinen eigenen vier Wänden am kreativsten.
Übers Internet.
Nun ja, warum nicht?
Oder er ist auf Reisen.
Auch das ist für mich nichts Neues, schließlich kenne ich das Werk dieses großartigen Mannes.
Geschäftlich, Sie verstehen?
Und ob.
Dann ist er also noch tätig wie eh und je? Das Lächeln von zuvor ist mittlerweile aus dem Gesicht des Mitarbeiters von Stefan Zweig verschwunden und hat einem Anflug von Erstaunen Platz gemacht.
… Natürlich … wieso sollte er denn …?
Schon gut, ich wollte Sie nicht beunruhigen. Aber wenn man lange nichts mehr von jemandem gehört bzw. gelesen hat, kann man das ja nicht so genau wissen. Viele hören auf oder wechseln die Branche
, sage ich und blicke mich dabei in den Geschäftsräumen um. Noch bevor er etwas erwidern kann, fahre ich fort:
Sagen Sie …, wie kann ich mit Herrn Zweig in Kontakt treten?
Diese simple Frage scheint ihn stutzig zu machen.
… Also wissen Sie, ich fürchte, das wird nicht so einfach … wie Sie sich das vorstellen … sein.
Im Grunde habe ich mit einer derartigen Reaktion gerechnet. Der Meister will nicht gestört werden. Schon gar nicht von jemandem, den er nicht kennt.
Worum geht es denn, bitte, wenn ich fragen darf?
Fachfragen, mein Lieber, Details, ich glaube nicht, dass Sie damit etwas anfangen können.
Normalerweise bin ich nicht so überheblich. Gleich darauf habe ich mich wieder im Griff.
Ich möchte Herrn Zweig zu seinen Schriften befragen.
Zum Schriftverkehr also? Aha.
Nun ja, ich bin mir nicht sicher, was Sie damit meinen. Ich spreche von seinen Büchern, das, was seinen Namen weltweit bekannt gemacht hat.

Das Wort Bücher scheint den kleinen Mann in Nervosität zu versetzen. Hastig kramt er aus einer Lade einen Block und einen Bleistift hervor und hält mir beides hin.
Am besten wäre es, Sie schreiben mir hier Ihren Namen und Ihre Telefonnummer auf. Ich werde das dann weiterleiten.
Aber sicherlich. Dieses Spiel kenne ich. Schließlich bewege ich mich auch schon seit ein paar Jahren in der Literaturszene. Wie es sich für einen Profi gehört, lasse ich mir allerdings nicht das Geringste anmerken.
Mit Vergnügen.
Selbstverständlich gebe ich einen falschen Namen an. Auch bei der Telefonnummer schummle ich. Es wird ohnedies niemand anrufen, und ich erspare mir eine weitere Demütigung. Nachdem ich die Geschäftsräume verlassen habe, melden sich Zweifel, ob ich nicht vielleicht doch Stefan Zweig gegenüber gestanden haben könnte. Einem Stefan Zweig, der mit dem Bild, das sich die Öffentlichkeit von ihm macht, nichts zu tun haben möchte. Aber hätte ich in diesem Fall nicht irgendetwas spüren müssen? Es würde mich wundern, sollte in diesem Mann ein derartiger Verwandlungskünstler stecken. Eine Einsicht, die mich an einen grandiosen Essay Egon Friedells denken lässt. Ich beschließe, als nächstes bei diesem geistreichen Menschen vorbeizuschauen. Bei allem, was ich über ihn gelesen habe, erwarte ich mir einen etwas weniger kontaktscheuen Menschen. Möglicherweise einen Vielredner, aber immerhin jemanden, der sich den Fragen stellt, die ein jeder zuweilen hat. Egon Friedells Adresse lautet, wie alle, die in dieser Stadt aufgewachsen sind, wissen: Gentzgasse Nr. 7. Die Gentzgasse befindet sich im 18. Bezirk. Die Türnummer weiß ich nicht. Auf der Gegensprechanlage scheint kein Friedell auf. Das verstehe ich nicht. Schließlich läute ich bei einem Herrn Prohaska, der sich Sekunden später auch tatsächlich meldet. Es geht also doch!
Ich möchte zu Egon Friedell, sage ich in das Sprechfenster, wissen Sie seine Türnummer, oder sind Sie es vielleicht sogar selbst?
Herr Prohaska antwortet nicht.
Herr Friedell?, versuche ich es noch einmal.
In diesem Moment geht die Haustüre mit einem kreischenden Geräusch auf. Eine schmächtige alte Dame mit dem Gesicht einer Echse sieht mich aus der Dunkelheit des Hausflurs heraus argwöhnisch an.
Ich unterhalte mich gerade mit Herrn Prohaska, sage ich ohne dazu aufgefordert worden zu sein. Da ich mich gebückt habe, um mit Hilfe der Sprechanlage mit Herrn Prohaska beziehungsweise Egon Friedell zu reden, ist mein Kopf etwa in gleicher Höhe wie der ihre.
Wenn Sie meinen, sagt die alte Frau, ich muss jedenfalls einkaufen. Bei diesen Worten zieht sie unter allerlei Mühe eine Einkaufstasche, die auf zwei Räder montiert ist, aus dem Hauseingang hervor.
Darf ich Sie begleiten?, frage ich, und sie scheint nichts dagegen zu haben oder hat mich nicht verstanden. Herrn Prohaska überlasse ich wortlos sich selbst. Er seinerseits hat auch nicht gerade viel gesagt.
Eigentlich möchte ich zu Egon Friedell, erkläre ich der alten Frau.
Zu wem?
Friedell, Egon.
Nie gehört. Sind Sie sicher, dass der bei uns wohnt?
Das ist allgemein bekannt. Ich weiß lediglich nicht, in welcher Etage. Möglicherweise benützt er einen Decknamen. Künstler sind zuweilen ganz schön öffentlichkeitsscheu.
Das wäre mir neu.
Damit hat die alte Dame eigentlich gar nicht so Unrecht.
Wissen Sie, ich habe Herrn Prohaska im Verdacht, ob nicht vielleicht er …
Aber Herr Prohaska arbeitet doch beim Denkmalamt.
Mitunter wechseln Schriftsteller ihren Beruf, sage ich, obgleich mir ein solcher Umstieg doch ein wenig abwegig erscheint.
Schriftsteller, sagen Sie?, erkundigt sich die alte Frau.
Ja, natürlich, Egon Friedell, der berühmte Essayist und …, hier mache ich eine kurze Pause, weil mir nicht einfallen will, wie ich Egon Friedells Arbeit sonst noch charakterisieren könnte.
Jetzt weiß ich, wen Sie meinen, aber der ist doch aus dem Fenster gesprungen.
Tatsächlich? Das wusste ich nicht. Warum hat er das denn gemacht?
Er wollte sich töten.

Dann liegt seine Wohnung also in einem der oberen Stockwerke?
Und Herr Prohaska vom Denkmalamt wohnt im ersten Stock.
Dann fällt der weg. Gibt es sonst irgendjemanden unter ihren Mitbewohnern, auf den die Beschreibung Egon Friedells passen könnte? Ein gewichtiger Mann, grobe Züge, schütteres Haar …
, eigentlich weiß ich das gar nicht so genau.
Der hat er sich von dem Sprung damals nicht mehr erholt.
Nein, wie entsetzlich, wann ist das denn passiert?
Das ist schon eine ganze Weile her.
Ja, ist das denn die Möglichkeit? … Und keiner …
Das hat doch eh überall gestanden.
Mag sein, aber wenn man sich nicht unter seinem richtigen Namen zu Tode stürzt, dauert es manchmal lange, bis die breite Öffentlichkeit dahinter kommt.
Wenn ich mich richtig erinnere, hieß er privat Friedmann,
klärt mich die alte Frau auf.
Na, sehen Sie.
Als ich mich verabschiede, überkommt mich ein Anflug von Traurigkeit. Nicht so sehr, weil ich erfahren habe, dass der Meister sarkastischer Polemik vor kurzem gestorben ist, sondern weil es mir offenbar nicht gelingen will, mit einem meiner legendären Kollegen in Kontakt zu treten.
Daheim angekommen trifft es mich wie ein Schlag vor den Kopf. Ich Idiot! Ganz in der Nähe der Gentzgasse und ebenfalls im 18. Bezirk befindet sich die Sternwartestraße und in dieser – wie mir derselbe Katalog versichert, der mich schon über Peter Altenbergs Lebensumstände aufgeklärt hat – steht das Haus von Arthur Schnitzler. Sofern dieser sich eine solche Adresse heute noch leisten kann. Immerhin hat man auch von ihm schon lange nichts mehr gehört. Weder ein Stück noch eine Erzählung oder so etwas. Nicht einmal einen scharfsinnigen Kommentar in einer Tageszeitung. Aber einen Versuch ist es allemal Wert. Seine Hausnummer ist die 71. Diesmal bin ich vorsichtig. Zunächst nehme ich das Telefonbuch zur Hand. Darin finde ich allerdings nur einen Adrian Schnitzler. Der wohnt im siebenten Bezirk, also gleich um die Ecke von mir. Ich werde am Rückweg bei ihm vorbeischauen. Die Tatsache, dass Arthur Schnitzler nicht im Telefonbuch aufscheint, irritiert mich im Grunde nicht. Einerseits beginne ich allmählich, mich mit den Gewohnheiten meiner Kollegen auszukennen, andererseits verschweigen viele Reiche ihre noblen Adressen, um niemanden auf dumme Gedanken zu bringen. Schriftsteller geben sich gern mittellos, außer sie sind es wirklich, dann verhalten sie sich als hätten sie keinerlei finanzielle Sorgen.
Als ich endlich in der Sternwartestraße ankomme, dämmert es bereits. Die Villa mit der Hausnummer 71 sieht weit weniger eindrucksvoll aus als auf den Abbildungen in meinem Katalog. Sowohl die Fassade als auch der Garten wirken ziemlich heruntergekommen. Offenbar ist die große Zeit dieses Schriftstellers endgültig vorbei. Wahrscheinlich kauert er hinter den verschlissenen Vorhängen seiner einst prächtigen Residenz und zehrt von den Erinnerungen an eine glorreiche Vergangenheit. An der gusseisernen Türe ist nicht einmal ein Namensschild angebracht. Ich drücke zwar auf den entsprechenden Knopf, habe allerdings nicht den Eindruck, dass das irgendetwas auslöst. Ich glaube sogar, der Knopf sitzt nur noch lose in der Fassung. Wie ein abgestorbener Zahn in einem morschen Kiefer. Im oberen Stockwerk sind die Fensterläden geschlossen. Man könnte glauben, bei Arthur Schnitzler handle es sich um ein Wesen, das jegliches Tageslicht scheut. Möglicherweise verlässt er nur noch nachts sein klappriges Domizil, um der Welt und ihren schlafenden Bewohnern tief in die Seele zu schauen. Wenn dem so ist, hat es keinen Sinn länger zu warten. Mit schnellen Schritten begebe ich mich wieder Richtung Zentrum. Es wird allmählich dunkel.
Zu Hause habe ich die Idee, Heimito von Doderer anzurufen. Diesen Plan lasse ich allerdings gleich darauf wieder fallen. Ich fürchte mich ein wenig vor seiner merkwürdigen Persönlichkeit, der strengen Ausdrucksweise und seiner schneidenden Stimme. Ich glaube nicht, dass man im Falle einer Verabredung mit Doderer einfach gehen kann, wenn einem danach ist. Stattdessen kommt mir ein ganz anderer Gedanke. Ich werde mich an Brunngraber wenden. Der ist wenigstens vernünftig. Seine deutlich geringere Popularität hat ihn vielleicht bislang davor bewahrt, derart kontaktscheu zu werden. Seinen Vornamen weiß ich leider nicht. Etwas mit R. Rainer vielleicht oder Robert. Im Telefonbuch werde ich fündig. Es gibt einen Richard, wohnhaft in der Servitengasse 27 im neunten Bezirk. Ich wähle seine Nummer, aber niemand meldet sich. Glücklicherweise stoße ich allerdings auch noch auf eine Erika Brunngraber. Seine Frau, seine Schwester?
Sind Sie die Schwester von Herrn Brunngraber, … Brunngraber, Richard?
Äh, … nein. Mit wem …
Das dachte ich mir, Sie klingen eher wie seine Frau.
Mit wem spreche ich?
Ich bin ein Kollege Ihres Mannes, würden Sie ihn bitte an den Apparat holen.
Ich bin nicht verheiratet.
Dieser Hinweis verblüfft mich.
Aber wieso …? Handelt es sich etwa um Brunngrabers Mutter?
Haben Sie einen Sohn?
Ja, aber ich weiß wirklich nicht, was Sie das angeht.

Die Situation ist mir peinlich, jetzt schon abzubrechen wäre allerdings verfrüht.
Wie heißt Ihr Sohn denn?
Walter, ich würde Sie allerdings nun wirklich bitten, mir zu sagen …

Ich lege auf. Diese Geschichte ist mir zu verzwickt. Ich könnte in irgendetwas hineingeraten.
Hugo von Hofmannsthal wohnt, wie ich eruiert habe, im 23. Bezirk. Das ist mir zu weit. An und für sich hätte ich mich gerne mit diesem Mann unterhalten. Vielleicht ist es aber auch besser so. Man darf nicht vergessen, dass ein Gespräch mit jemandem, der seiner Zeit um Jahrzehnte voraus ist, recht ungemütlich werden kann. Man verliert bei so etwas leicht sein Gesicht.
Am Abend habe ich ein Tief zu überwinden. Es überfällt mich unmittelbar nachdem ich mit Albert Drach telefoniert habe. Wie allgemein bekannt sein dürfte, wohnt er in Mödling. Aus diesem Grund schien mir ein Telefongespräch ausreichend. Meine intensive Suche brachte mich auf die Spur eines gewissen Albert Dragan. Wahrscheinlich ein Pseudonym. Zunächst bewunderte ich noch das augenzwinkernde Raffinement hinter einem solchen Trick, im Verlauf unseres Gesprächs musste ich allerdings feststellen, dass Albert Dragan-Drach offenbar jegliches Gefühl für das richtige Maß abhanden gekommen ist. Er gab vor, mich nicht zu verstehen, redete seinerseits unverständliches Zeugs, als sei er unserer Sprache nicht mächtig. Ausgerechnet! Seine anfängliche Freundlichkeit verwandelte sich binnen weniger Minuten in regelrechte Gehässigkeit. Als ich andeutete, seine Tarnung durchschaut zu haben, beschimpfte er mich – glaube ich zumindest – und legte auf. Wenigstens der erste berühmte Schriftsteller, mit dem ich tatsächlich ins Gespräch gekommen bin, versuche ich mich zu trösten. Ich bin mir nicht sicher, ob ich jetzt überhaupt noch mit jemandem in Kontakt treten möchte. Es müsste eine ausgezeichnete Wahl sein.
Ich einige mich darauf, es mit George Saiko zu versuchen. Von dem habe ich schon Ewigkeiten nichts mehr gehört. Vielleicht kann er eine kleine Aufmunterung gebrauchen. In seinem Fall habe ich keine Ahnung, wo er wohnt. Ich weiß nicht einmal, ob er in dieser Stadt ansässig ist. Aber ich habe Glück. Laut Telefonbuch gibt es insgesamt einen Dieter, zwei Wolfgangs, einen Franz-René, zwei Franz und einen Florian Saiko. Die Frage ist nur, hinter welchem Vornamen sich der von mir gesuchte George versteckt. Ich bediene mich eines simplen Ausschlussverfahrens. Da es im Ganzen vier F-Namen gibt – zwei Mal Franz, ein Mal Franz-René und einen Florian – glaube ich, dass sich unter diesen Vieren mein Mann befindet. Hat man erst einmal die Möglichkeit, innerhalb einer kleineren Gruppe zu operieren, fällt es nicht schwer, den Gesuchten unter den beiden Franz zu vermuten, schließlich kommt ihr Name doppelt so oft vor. Zwischen diesen beiden lasse ich eine Münze entscheiden.
Als Franz Saiko abhebt, frage ich ihn, ob er George heißt. Er verneint, und ich begreife augenblicklich, dass das dumm von mir war. Ich lege auf und wähle die Nummer des anderen Franz Saiko. Diesmal will ich mich geschickter anstellen. Zu meiner Überraschung hebt ein Kind ab. Überrascht bin ich deswegen, weil ich der Meinung war, Literatur und Familienleben ließen sich nur schwer vereinbaren. Da das Kind ungeduldig wird, muss ich schnell schalten.
Interessiert sich Dein Vater für Literatur?
Was?
Äh … liest Dein Vater viel in Büchern?

Ich höre wie das Kind den Hörer von seinem Ohr weg hält. Wahrscheinlich denkt es nach.
Schreibt Dein Vater vielleicht sogar selbst Bücher?
Ich darf den jungen Menschen nicht mit zu vielen Fragen bombardieren.
… ja. Na, also.
Du bist ein braves Kind. Dein Vater ist also Schriftsteller, ja?
J… ja.
Das ist gut. Würdest Du mich jetzt mit Deinem Vater verbinden?
Verbinden?
Gib’ ihm einfach den Hörer, einverstanden?
… ja.
Anstatt der vertrauten Stimme eines mir bislang unbekannten Autors, höre ich das Besetztzeichen. Das Kind hat offenbar eine andere Vorstellung von Verbindungen. Vielleicht hat es sich auch die ganze Zeit über mich lustig gemacht. Dabei scheine ich ganz nah dran gewesen zu sein. Einen nochmaligen Anruf halte ich für aussichtslos. Das Kind würde sich bestenfalls seinen Spaß mit mir machen.
Ich glaube, dass es falsch war, mich von den anfänglichen Schwierigkeiten einschüchtern zu lassen. Ich sollte Schriftsteller nicht nach ihrer vermeintlichen Erreichbarkeit auswählen, sondern denjenigen kontaktieren, mit dem ich mich tatsächlich auseinandersetzen will. In meinem Fall ist das Robert Musil. Laut Telefonbuch befindet sich seine Wohnung im dritten Bezirk in der Rasumofskygasse Nr. 20.
Auf dem Weg in die Rasumofskygasse, fühle ich, dass ich diesmal nicht enttäuscht sein werde. Robert Musils Wohnung lässt sich ganz leicht finden. Sie befindet sich im zweiten Stock, Türnummer 6. Einem Schild, das an der Türe angebracht ist, entnehme ich, dass Robert Musil offenbar nur zwischen 10.00 und 13.00 Uhr Besucher empfängt. Und das auch nur von Montag bis Freitag. Ich finde das höchst merkwürdig. Ist das nicht eher die Handschrift eines Arztes oder eines Bewährungshelfers? Ich läute, aber nichts rührt sich. Mir bleibt die Ironie dahinter verborgen. Plötzlich geht eine der anderen Türen in diesem Stockwerk auf, und der Schriftsteller Gerhard Jaschke steht mir gegenüber. Mit ihm habe ich nicht gerechnet. Ich bin mir nicht sicher, ob ich sagen soll, warum ich hier bin.
Wolltest Du in die Musil-Wohnung?, erkundigt Jaschke sich.
Es ist erst morgen wieder Sprechstunde, sage ich, als hätte ich mich mit dieser absurden Praxis abgefunden.
Kein Problem, ich kann Dir aufschließen, meint er, und ehe ich erwidern kann, dass ich es nicht für gut halte, alleine in Robert Musils Wohnung auf ihn zu warten – schließlich kennt er mich nicht –, stehe ich bereits im Vorzimmer. Um den hilfsbereiten Gerhard Jaschke, der offenbar mit Musil befreundet ist, nicht zu enttäuschen, gebe ich mich interessiert, obgleich ich nicht wegen der Wohnung gekommen bin. Ihr Zustand macht auf mich den Eindruck, als ob jemand von heute auf morgen weg musste. Ist Robert Musil etwa untergetaucht? Gerhard Jaschke erklärt mir, dass Robert Musil von hier aus in die Schweiz gegangen sei. Weiß ich, aber das ist ja schon geraume Zeit her. Was mich interessieren würde ist, wo er augenblicklich steckt. Da Gerhard Jaschke allmählich gehen muss, bedanke ich mich bei ihm und verspreche, das nächste Mal früher zu kommen. Damit wir uns ein wenig unterhalten können. Er meint mich und ihn, ich meine mich und Robert Musil, sofern der bis dahin aus der Schweiz zurückgekehrt sein sollte. In Musils Fall braucht es wenigstens nicht zu verwundern, dass man nichts Neues liest. Wahrscheinlich wartet er, bis ein jeder mit dem durch ist, was er bisher veröffentlicht hat.
Auf dem Nachhauseweg ziehe ich Resümee: Genau genommen ist es mir nicht gelungen, auch nur mit einem einzigen der von mir ausgewählten Schriftsteller ins Gespräch zu kommen. Das Telefonat mit Albert Drach übergehe ich absichtlich. Ich denke nicht, dass es an mir liegt. Ich habe meine Hausübungen gemacht. Das Problem scheint mir bei den sozialen Defiziten so vieler meiner Kollegen zu suchen zu sein. Morgen werde ich es mit einem Musiker probieren. Ich habe auch schon eine Idee, mit wem.

www.ignorama.at

These icons link to social bookmarking sites where readers can share and discover new web pages.
  • del.icio.us
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Digg
  • Facebook
  • Reddit
  • Webnews
  • Technorati
  • YahooMyWeb
  • MyShare